Groß-Gerau 26.02.2013, von Kreis Groß-Gerau

Anerkennung und Willkommenskultur

Fachtagung zum ehrenamtlichen Engagement von Jugendlichen im Landratsamt Groß-Gerau.

Wie sieht das Werteuniversum von Jugendlichen aus? Wie schaffen wir Zugänge für Jugendliche mit Migrationshintergrund? Einen ausführlichen Blick in jugendliche Lebenswelten und Migrantenmilieus, aufgelockert durch die Bilder von Jugendzimmern, Musikbeispiele und Interviewausschnitte, ermöglichte die Fachveranstaltung „Vielfalt, soziale Milieus, Zielgruppen und Teilhabe“. 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch aus dem THW Rüsselsheim waren der Einladung des Jugendbildungswerks des Kreises Groß-Gerau und des Büros für Integration im Rahmen des kreisweiten Projekts zur interkulturellen Öffnung „Zukunft gemeinsam gestalten im Kreis Groß-Gerau (ZuGG)“ gefolgt.

Mit der Referentin Maria Nesselrath von der Sinus-Akademie holte sich das ZuGG-Projektteam eine Spezialistin nach Groß-Gerau, die sowohl die Ergebnisse der aktuellen Sinus-Jugendstudie als auch die Sinus- Migrantenmilieus vorstellte. Die Erkenntnisse aus beiden Studien liefern wichtige Hinweise für die Umsetzung einer zentralen gesellschaftlischen Aufgabe von Vereinen, Verbänden, Migrantenselbstorganisationen und Kommunen: Jugendliche für bürgerschaftliches Engagement zu motivieren und ihnen altersgerechte Angebote zu machen. 

Erster Kreisbeigeordnete Walter Astheimer beschrieb die Bedeutung der Sinus-Milieu-Studien: „Um das Interesse der Jugendlichen am Ehrenamt zu wecken, müssen wir neue und kreative Wege gehen. Das bedeutet auch, einen Blick in ‚fremde’ jugendliche Lebenswelten zu werfen und sich mit den sogenannten Migrantenmilieus auseinanderzusetzen.“ 

Maria Nesselrath präsentierte interessante Erkenntnisse aus den Lebensweltenmodellen der 14- bis 17jährigen in Bezug auf ihr ehrenamtliches Engagement: Eine hohe Affinität zur Teilhabe und eine große Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement sei vor allem bei Jugendlichen anzutreffen, die der „adaptiv pragmatischen Lebenswelt“ zuzuordnen seien. Diese seien leistungs- und  familienorientiert und hätten eine hohe Anpassungsbereitschaft. Nach Einschätzung der Referentin seien viele dieser Jugendlichen in sogenannten „Blaulichtorganisationen“ oder in kirchlichen Organisationen aktiv. Aber auch Jugendliche, die Sido hören, wenig Zukunftsperspektiven und schlechte Erfahrungen mit der Schule haben, könne man für die Vereinsarbeit begeistern. „Gerade hier liegt die große Chance der außerschulischen Bildung! Für Jugendliche aus prekären Lebenswelten stehen zwar Werte wie Respekt und Anerkennung im Vordergrund, sie machen in der Schule aber oftmals gegenteilige Erfahrungen. Wenn ich Angebote mache, die Anerkennung geben, dann schaffe ich es auch, diese Jugendlichen zu erreichen“. 

Ein Blick in die Migrantenmilieus und die Sinus-Studie der 14- bis 17jährigen Migranten zeigte sehr schnell: In derselben Ethnie gibt es viele verschiedene differenzierte Milieus mit eigenen Werten und Haltungen. Deshalb sollte man nicht an vorherrschenden Bildern festhalten, die sich mit der individuellen Lebenswelt der Jugendlichen nicht decken (wie z.B. der Annahme, dass alle Muslima Kopftücher tragen müssen). Maria Nesselrath: „Der Einfluss religiöser Traditionen wird überschätzt, Integrationsdefizite bei prekären Gruppen sind unabhängig vom Migrationshintergrund und betreffen Deutsche genauso. Allerdings müssen wir dem Rückzug der Jugendlichen in ethnisch geschlossene Netzwerken entgegenwirken.“ Letztlich gäbe es kaum Unterschiede zwischen den Lebenswelten der Migrantenjugendlichen und der deutschen Jugendlichen. Bemerkenswert sei jedoch, dass unabhängig vom Milieu bei Migranten der Wille und die Bereitschaft zur Leistung generell höher lägen. 

Schließlich gab die Referentin den Teilnehmenden noch wichtige Denkanstöße für die Praxis mit auf den Nachhauseweg: „Wenn Sie Menschen aus verschiedenen Milieus erreichen möchten, müssen Sie sich zuerst bewusst machen, welche Vorurteile Sie selbst haben. Als Verein müssen Sie gut hinhören und herausfinden, welche Interessen und Bedürfnisse die Jugendlichen haben. Sprechen Sie die Menschen, die Sie erreichen wollen, in der richtigen Sprache an - sprechen Sie eine Sprache der Anerkennung!“ 



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